Alltagschaos · Altenpflege

Was Alkohol so anrichtet…

Frau Lichtlein war eine recht schwierige Patientin. Sie leidet unter dem Korsakow-Syndrom, welches (meistens) mit einer (früheren) Alkoholabhängigkeit einher geht.
Bei ihr war die Alkoholabhängigkeit noch aktuell und mehrere stationäre Aufenthalte zum Entzug scheiterten kläglich. Die Bereitschaft dafür war einfach nicht da. Sie saß im Rollstuhl und konnte zwar kurze Zeit stehen, aber nicht mehr laufen.
Zudem lebte sie in einem sehr anonymer Wohnblock, natürlich im obersten Stockwerk mit regelmäßig ausfallenden Fahrstuhl, 2,5-Zimmer Wohnung. Geputzt wurde nur durch unsere Hauswirtschaftskraften, der Rest blieb einfach liegen, wenn sich keine Pflegekraft erbarmte. Sie hatte – so sagte sie selbst – einfach keine Lust, den Müll wegzuräumen.

Die ersten Male verunsicherte mich die Dame noch ein wenig. Ständig brüllte sie alles und jeden an, keiner sagte etwas dagegen. „Das ist eh sinnlos“, wies mich eine meiner Kolleginnen an. Ich fand leider erst recht spät heraus, dass man ihr einfach nur selbstsicher begegnen musste. Dann war sie recht neutral.
Dadurch, dass bei dieser Patientin nur grundpflegerische Maßnahmen anstanden, war ich häufig bei ihr eingeteilt. Manchmal sogar zur Hauswirtschaft. Meistens jedoch ging es morgens darum, eine Inkontinenzversorgung durchzuführen (auf einem Sofa, denn ein Pflegebett o.ä. gab es nicht – sehr rückenfreundlich!) und Frühstück zuzubereiten. Das Ganze viermal täglich (die Mahlzeiten der Tageszeit angepasst) und eventuell, wenn sie die Bereitschaft anrief. Natürlich war ich nicht jedes Mal da, in meinen Diensten dann aber meistens.

Abends rief sie oft auch mal ein Taxi-Unternehmen an. Nicht etwa weil sie ausgehen wollte. Sie gab ein horrendes Trinkgeld und schickte den Fahrer zu einem nahegelegenen Einkaufsladen. Sekt und Piccolo holen. Morgens durften wir dann mit dem Resultat umgehen:
Frau Lichtlein war gar nicht wachzukriegen, lag auf ihrem Sofa wie tot. Nicht selten haben wir sie regelrecht anbrüllen müssen, damit sie wach wurde. Ab und an hing sie auch vor dem irrelauten Fernseher. „FRAU LICHTLEIN?!“ –  „Jaaaa?“ – „Machen sie bitte den FERNSEHER LEISER!“ – „Ich versteh sie nicht, der Fernseher ist so laut!“
Ein paar Stunden später hatte sie das alles schon vergessen.

Wahlweise, wenn sie schon Alkohol griffbereit hatte, rief sie lieber die 112 an. Sie habe so unerträgliches Herzrasen. Gehabt hat sie meistens nichts außer Langeweile und einen beachtlichen Promillewert. Ein paar Mal pro Monat nahm man sie vielleicht mit, weil sie darauf bestand und es war ihr egal, dass sie diese Fahrten selbst zahlen musste. Die restlichen 7-10 Mal pro Monat blieb sie beleidigt Zuhause. Wenn wir mal zufällig dazu kamen, haben wir den Mitarbeitern des Rettungsdienstes (wenn Zeit da war einen Kaffee im Kiosk nebenan spendiert.

Wenigstens ein kleiner Trost.

Ihre letzte Fahrt ins Hospital war übrigens durch uns iniitiert, nachdem ihre Augen und Haut gelblich schienen. Im Krankenhaus verstarb sie dann nach einigen Wochen.

 

3 Kommentare zu „Was Alkohol so anrichtet…

  1. „Die Dosis macht das Gift“ würde mein Arzneimitteldozent nun sagen 😀
    Ich stimme dir völlig zu!
    Es ist erschreckend, dass die Korsakow-Patienten augenscheinlich immer jünger werden… Wir haben auch 40-jährige mit diesem Syndrom in der Versorgung… Das stimmt einen schon nachdenklich.

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