Alltagschaos · Altenpflege

Die Sache mit der Pünktlichkeit… | Teil 2

Mittlerweile ist es 10:00 Uhr, jedenfalls laut meiner Armbanduhr. Eigentlich dürfte es erst 8:45 sein, so steht es auf meinem Tourenplan. Herr Berg ist nicht sehr amüsiert darüber, dass ich über eine Stunde Verspätung habe. Dass meine Pflegedienstleitung mich mehrfach telefonisch kontaktiert hat, meine Patientin vor ihm ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, weil sie auf der Treppe gestürzt war und ich ihn mehrmals versucht habe anzurufen (um ihn über die Verspätung zu informieren) interessiert ihn nicht. „Dafür werden Sie ja wohl bezahlt – und außerdem kommen Ihre Kollegen immer überpünktlich!“ Lächeln, nicken, weitermachen.

Am Ende ist es 12.25 Uhr, als ich meine erste Tour beende. Ich bin zwar kaputt, aber mit Kaffee, Energy Drinks und guter Musik konnte ich mich bis jetzt gut über Wasser halten. Ich habe etwas zu lang gearbeitet und muss um 16 Uhr schon meine nächste Tour antreten. Tourende ist dort um 20:00 Uhr geplant, eine Kollegin hat sich krank gemeldet. Zwar auch „nur“ Grundpflegen – ich bin ja noch in der Ausbildung – aber gerade die sind meist sehr anstrengend.

In den 3,5 Stunden dazwischen muss ich noch ein paar Pflege-Dokumentation gemeinsam mit einer examinierten Kraft evaluieren, das gehört selbstverständlich auch zu meinem Ausbildungsziel und will gelernt sein. Außerdem muss ich meine Zwischenprüfung noch vorbereiten. Um 14:00 Uhr kann ich dann endlich nach Hause. Mir bleibt Zuhause eine Stunde Entspannung, denn um diese Uhrzeit ist in der Stadt ständig Stau und ich brauche 30 Minuten pro Strecke.

Die Tour am Abend läuft etwas entspannter. Das Büro ist ab 17:00 Uhr nicht mehr besetzt, sodass mich von dort keiner mehr mit noch mehr Aufgaben zuschütten kann. Die meisten Einsätze belaufen sich auf die Teil-Pflegen, das Umziehen, eventuell mag noch jemand Abendbrot zubereitet haben. Heute habe ich auch nur zwei Pflegen bei Bettlägrigen – und mit denen komme ich bestens aus, das macht die Arbeit entspannter. Dennoch ist die Zeit äußerst eng bemessen und so gern ich Gespräche führen würde, ich konnte nirgendwo Zeit „einholen“ und muss mich an meine Zeitangaben halten.

Die Krux an der ganzen Sache ist: Holen zu viele Pfleger zu oft Zeit beim Patienten ein, wird die Einsatzzeit gekürzt und es wird noch enger. Braucht man länger als der Großteil der Kollegen, hat man ein paar Wochen später ein Gespräch mit der Einsatz- und Pflegedienstleitung um zu klären, woran das wohl liegen möge. Intention des Gesprächs ist aber meistens: Gib Gas!
Aber heute Abend kann ich um Punkt 20:00 Uhr meine Schlüssel weghängen, meinen Tourenplan unterschreiben und in das vorgesehene Fach zur Kontrolle legen und den Heimweg antreten. Zuhause passiert danach nicht mehr viel.
Um 3 Uhr wird mein Wecker für den nächsten Tag mit geteiltem Dienst klingeln.

7 Kommentare zu „Die Sache mit der Pünktlichkeit… | Teil 2

  1. Hallo.
    Ich arbeite als examinierte Altenpflegerin in der ambulanten Pflege und ich habe andere Erfahrungen in den letzten Jahren gesammelt. Besonders meine jetzige Arbeitsstelle bzw. die PDL ist gut: Das Telefon klingelt zwar z.B. nach 2 Minuten bei Medigabe, das ist aber im Grunde nicht wichtig. Fahrzeiten werden gut eingeplant, bei manchen Patienten braucht man halt mehr Zeit als eingeplant, und sollte das bei einem der nachfolgenden Patienten zu Problemen führen, wird die Tour geändert. Ich arbeite sehr gerne, gehe mit einem guten Gefühl ins Büro….
    LG aus dem Pott

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    1. Huhu.
      Glücklicherweise ist es nicht überall so. Ich hatte auch eh einen Beitrag geplant, um die Gegenseite darzustellen und das es auch anders laufen kann. Leider ist es aber bis heute eine Ausnahme, wenn es so läuft wie bei dir. Aber: das freut mich sehr für dich! 🙂
      Ich arbeite ebenfalls sehr gern und bin in der glücklichen Lage, einen anderen Pflegedienst gefunden zu haben. Generell schreibe ich aus Gründen der Anonymität von älteren Begebenheiten. Der Artikel soll einfach mal darstellen, unter welchen Voraussetzungen der Großteil der Pflegekräfte arbeiten muss und das Verständnis dafür herstellen.
      LG in den Pott! 🙂

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  2. Also ganz ehrlich:
    Sind solche geteilten Dienste die Normalität?
    Bei „unserem“ Pflegedienst – d.h. der welcher meine Oma betreuen muss, sind das absolute Ausnahmen, die höchstens mal vorkommen wenn einer Urlaub, einer krank, und einer wegen Kind krank schnell weg muss. Und dann maximal am Tag des akuten Geschehens. Da macht eher die PDL ne Schicht mit, oder es werden längere Aktionen, wie Baden mal auf den nächsten Tag verschoben. Bei uns spielt es zum Beispiel auch keine Rolle, ob die Medikamente jetzt 19.00Uhr oder 21.00Uhr geschluckt werden, so das im Zweifelsfall meine Oma eben mal später dran ist. Es erfolgte immer eine Information, der Nachteil ist natürlich, das die Oma mit Änderungen durch Unvorhergesehenes ganz schlecht klarkommt. Doch natürlich haben Leute Vorrang, bei denen der Zeitpunkt für das Medikament eine große Rolle spielt.

    Ich muss auch ganz klar sagen, der Papierkram gehört zur Arbeitszeit! Und ganz besonders beim Azubi.
    Du hast also an dem Tag von 6 – 14, und dann noch mal von 16 – 20 gearbeitet.
    Weißt ja selber, wie lange das ist. Noch dazu hast du dann nicht mal die Mindestruhezeit bis zum nächsten Arbeitsbeginn.
    Schön, das Du als Azubi schon selbständig arbeiten darfst, und je weiter du in der Ausbildung bist, desto mehr solltest du das auch, aber das hier Geschilderte hat mit Ausbildung nix zu tun. Hier wird gespart, auf Deine Kosten, ganz gewaltig. Ganz besonders, wenn dieses Pensum unter den Bedingungen die Norm ist.

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    1. Wie ich bereits im Vorkommentar sagte: ich arbeite dort schon länger nicht mehr, aus gutem Grund, die Geschichte ist länger her. Und in einem Betrieb mit über 130 Mitarbeitern ist leider nicht nur ‚mal‘ einer krank oder vereinzelt jemand im Urlaub . Eine PDL sprang in diesem Betrieb keinesfalls ein, nur wenn es überhaupt nicht anders ging. Ist doch die PDL, mensch 😉
      Für UNS spielte es ebenfalls keine Rolle, ob die Medikamente mal ne Stunde später dran sind. Es geht eher um den Rattenschwanz, den das ganze hinterher zieht. In manchen Gebieten muss man auch schauen, wie es mit den Fahrtwegen in der Tour passt beim Tauschen, wenn derselbige überhaupt abgesegnet wurde.
      Dass der Papierkram dazu gehört war und ist für mich völlig selbstverständlich.
      In einem meiner vorigen Beiträge hab ich übrigens geschrieben, wie ich das mit der Selbständigkeit als Auszubildende/r betrachte (und wie ich es auch sehr schnell erkannt habe).
      Das Ganze ist leider Realität, ob man das nun wahrhaben mag oder nicht. Aber: wäre das bei Pflegediensten so, würde ich selbst nicht mehr mit Leib und Seele in der ambulanten Pflege arbeiten. Gibt nur noch immer zu viele der Geschilderten :/
      Und: so oder so ähnlich haben das viele aus meinem Bekannten- und Kollegenkreis erlebt. Ist eben nur wichtig, ob man draus lernt oder die Augen davor verschließt und man einfach weiter macht. 🙂

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  3. Ups, da fehlte der halbe Satz und insgesamt wirkt meine Antwort bissig, so ist sie aber nicht gemeint, sorry dafür! Der untere Absatz bezieht sich natürlich auf ein paar Pfleger, die einfach weiter „funktionieren “ und die Augen vor Missständen in einigen PDs verschließen!

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  4. Ja, klar.
    Was ich meine ist: Papierkrieg = gehört dazu, muss gemacht werden = heißt keine Freizeit!
    Damit kommst Du an dem geschilderten Tag ja mal so eben auf 13 Stunden Arbeitszeit.
    Zu der Entscheidung, dort nicht mehr zu arbeiten, kann ich Dich nur beglückwünschen.

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