Alltagschaos · Altenpflege

Die Sache mit der Pünktlichkeit… | Teil 1

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“, sagte schon meine Oma zu mir.

Pflege könnte so schön sein! Liebe Patienten, nette Angehörige, viel Zeit für die seelischen Bedürfnisse der Kunden…

Die Realität sieht eigentlich anders aus, das wissen nur die wenigsten. Stationär müssen sich oft viel zu wenig Schwestern um zu viele Patienten kümmern, in der ambulanten Pflege ist es ganz ähnlich. 
Bei mir ist es so: Ein Handy und ein Tourenplan sind für die jeweilige Tour bereitgelegt. Im Handy ist eine Stoppuhr programmiert, die ich beim Patienten starten und beenden muss. Auf dem Tourenplan muss ich zusätzlich meine Zeiten eintragen, falls die Elektronik mir wiederholt den Krieg erklärt. Außerdem sind darauf Besonderheiten für den jeweiligen Einsatz vermerkt, falls sie einmalig sind.

Um 5:00 Uhr sollte mein Dienst beginnen, um 5:20 Uhr muss ich beim ersten Patienten sein. Da allerdings mindestens 12 Leute gleichzeitig auf der Matte der Zentrale stehen, komme ich 15 Minuten früher und suche in Ruhe meine Schlüssel für die Wohnungen der Patienten zusammen, schaue, ob mein Auto getankt ist (das ist es häufig nicht, sodass ich zwischen meinem engen Zeitplan noch irgendwo eine Tankstelle finden muss) und gucke im Übergabebuch nach, ob es Besonderheiten gab. Immerhin muss ich die Fahrtzeit zum ersten Kunden mit einberechnen. Im Medikamentenschrank suche ich die Dosetten für ‚meine‘ Pflegebedürftigen, die im besten Fall am Vortag von einem examinierten Kollegen gestellt wurden, ansonsten muss ich warten, bis jemand Zeit hat. Schnell noch einen Kaffee für unterwegs gekocht, einen Plausch mit der Nachtschwester über meine Patienten gehalten und auf geht’s.

Ein Parkplatz ist schnell gefunden. Meine Stoppuhr muss ich bereits im Auto starten, diese gibt mir 15 Minuten Einsatzzeit maximal vor. Die erste Patientin ist wie gewohnt nicht gut gelaunt. Wäre ich auch nicht, wenn ich 365 Tage im Jahr um 5:20 Uhr geweckt werden würde nur weil es keinen anderen freien Platz mehr gab. Frühstück zubereiten, Tabletten übergeben, beim Umziehen helfen. Freundliches Verabschieden, zum Auto hetzen und zu Patient Nr. 2.
Dieser wohnt leider in einer Gegend, wo es grundsätzlich nie einen Parkplatz gibt. Da ich es Leid bin, von meinem kleinen Gehalt noch tausende Knüllchen zu zahlen, spare ich mir das Suchen in unmittelbarere Nähe und nehme 5 Minuten Laufweg in Kauf. Stoppuhr starten: 20 Minuten Zeit. Minus 10 Minuten Gehweg bleiben mir nur 10 Minuten für das Waschen des Patienten. Ich jogge zum Kunden, um wenigstens etwas Zeit zum Quatschen zu haben. Leider stellt sich heraus, dass Herr Gonne gegen seine Gewohnheiten noch schläft. Ich verfalle nicht in Hektik, bringt ja doch nichts, kenne das Spiel von anderen Kunden und wecke ihn auf. Bis er im Bad ist vergehen weitere 5 Minuten. Mitten beim Waschen piept mein Handy auf, danach vibriert es nervig am Oberschenkel. Meine Zeit ist vorbei, aber ich kann nicht zaubern und mache meine Arbeit weiter.

Mit 7 Minuten Verzug komme ich völlig aus der Puste am Auto an. Die dritte Patienten hat sich meist schon selbst gewaschen, wenn ich komme. Das wäre nur halb so traurig wenn man nicht wüsste, dass sie es tut, weil die Kollegen ja eh kaum Zeit haben. Die übrige Zeit nutzt die Witwe lieber dazu ein erfrischendes Gespräch zu führen.
Als auch dieser Einsatz vorbei ist, komme ich zufällig an einer Tankstelle entlang, springe heraus, tanke den Wagen voll und denke darüber nach, wieso das eigentlich nie jemand in meiner täglichen Tourenplanung einbezieht. Ich bin zwar etwas im Verzug, das Tanken lässt sich aber nicht mehr umgehen.

Weil der Mitarbeiter der Tankstelle sich mit einem nicht liquiden Kunden verbal herumschlagen muss, komme ich beim nächsten Patienten zehn Minuten zu spät an. Die Ehefrau trommelt schon ungeduldig mit den Fingern auf dem Esszimmertisch, sieht mich ermahnend an. „Pünktlichkeit ist in ihrem Pflegedienst wohl keine Stärke?!“
Gut, dass ich darauf vorbereitet bin. Ein Lächeln, ein: „Es tut mir Leid, es ging leider nicht anders“, böse Blicke kassieren und weiter arbeiten. Dass wir nur die ausführende Kraft sind und keinen Handlungsspielraum mehr haben, seit es eine Dienstanweisung zum Abgeben von Patienten an Kollegen und dem Tausch innerhalb der Tour gab, weiß keiner und soll keiner wissen.

Die Versorgung geht schneller als gedacht, so dass ich beim nächsten Patienten etwas zu früh, 6:58 Uhr,  bin. Zwar ist 7:00 Uhr als Einsatzzeit von unserem Einsatzleiter geplant, aber ich weiß, dass ich beim Patienten nicht vor 7:15 Uhr auftauchen darf. 30 Minuten Versorgungszeit sind geplant, zum nächsten Kunden brauche ich 10 Minuten. Dort soll ich aber um 7:40 Uhr schon sein. Meine Zwangspause verbringe ich also damit auszurechnen, mit wie vielen Überstunden ich aus dem heutigen Tag gehe.

2 Kommentare zu „Die Sache mit der Pünktlichkeit… | Teil 1

  1. Das ist so traurig, und das darf doch eigentlich nicht sein. 😦
    Eine Rettungsdienst-Kollegin von mir hat früher auch als Altenpflegerin in nem ambulanten Pflegedienst gearbeitet, und sie erzählt ähnliches. Oft hat sie die Patienten auf dem Toilettenstuhl gewaschen oder gefü… Essen angereicht, damit sie mit der Zeit einigermaßen hingekommen ist. Da wollen die Patienten, die oft keinen anderen Sozialkontakt am Tag haben, noch nen Tee oder Kaffee zusammen trinken und sie musste ablehnen, weil sie sonst für den nächsten Patienten noch weniger Zeit als ohnehin schon einkalkuliert hat. Das ist einfach traurig.
    Wenn dann auch noch jede(r) glaubt, auf einem rumhacken zu dürfen für Dinge, für die man einfach nix kann … -.-
    Im Krankentransport ist das ja ähnlich, da werden wir auch oft angemeckert und behandelt, als wären wir zu blöd die Uhr zu lesen, wenn wir 5-15 Minuten zu spät sind. Meistens ist das aber nicht unsere Schuld (z.B. wenn wir ne Tour bekommen, die exakt für unseren Dienstbeginn vorbestellt worden ist, oder wenn sich den ganzen Tag einfach alles verzögert (für alle KTWs), weil kein einziger Patient fertig ist, wenn man dort ankommt). *seufz*

    Hauptsache, man ist für alle Seiten der Fußabtreter.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich glaube jedem, der die Pflege oder einen medizinischen Beruf aus Überzeugung gewählt hat, missfällt das 😦 Kann mir das bei euch sehr gut vorstellen. Vielen Patienten fehlt die Vorstellungskraft, dass man noch andere Kunden hat. Hab ich oft auch bei Kollegen erlebt, ein Teufelskreis : Tour vom Krankentransport zu eng geplant, Verspätung. Pflegedienst wartet mit Patienten auf Transport. Die schlecht geplante Tour des Pflegers verspätet sich wegen der schlecht geplanten Tour des Krankentransports. Da beißt sich die Katze in den Schwanz..
      Was deine Kollegin erzählt hat stimmt wirklich… oftmals kalkuliere ich ein, dass eine depressive Patientin gern noch einen Kaffee trinkt und streiche dafür meine Pause. Dauerzustand sollte das nicht sein, ist es aber…
      Altern in Würde ist kaum noch möglich. Die Kassen zahlen nur Betrag X, jede Minute mehr sind Kosten für den Pflegedienst. Die Patienten verstehen das aber oft nicht und lassen den (berechtigten ) Frust an uns aus, dem kleinsten Glied in der Kette.

      Ich hoffe, dass ich nie so abhängig sein werde… aber das ist beinahe unrealistisch. 😦

      Liken

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