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Angehörigenarbeit – Begegnungen der dritten Art (Teil 1)

Oftmals ist die Pflege und Versorgung eines Patienten nicht alles, was wir übernehmen. In vielen Fällen sind Angehörige da, die sich kümmern, Fragen haben, manche verpflegen ihre Familienmitglieder selbst und nehmen die Leistung eines ambulanten Pflegedienstes nur ergänzend in Anspruch.
Aber es gibt meilenweite Unterschiede! Angehörige sind nicht gleich Angehörige.

Die Helikopter-Angehörigen

Schon bei der Aufnahme des Patienten wird jeder Handschlag der ausgeführt werden soll genauestens beschrieben – wenn nicht sogar aufgeschrieben. Es existieren Listen für alle sechs Einsätze am Tag, in der die Reihenfolge der zu erledigenden Sachen aufgelistet ist. Was am Anfang zuvorkommend und hilfreich klingen mag, wird sich auf Dauer als nervenaufreibend herausstellen. „Wieso hat meine Mutter heute Pfefferminztee bekommen?! Heute ist Früchtetee-Tag, morgen ist erst Pfefferminze dran!“ Auch die Antwort, dass die Mutter einen anderen Wunsch hatte wird gekonnt ignoriert und niedergewalzt. Individuelle Pflege gibt’s da schon – nur nicht für den Patienten selber. Bestenfalls kann man nach einer längeren Belehrung von dannen ziehen, im schlimmsten Fall folgt danach selbige Belehrung nochmal bei der Pflegedienstleitung – höchstpersönlich, versteht sich.

 

Die „Aber-Google-hat-gesagt“

Die meisten werden nun die Augen verdrehen und laut stöhnen, aber der Vollständigkeit halber erwähne ich auch diese Spezies. Der Arzt ordnet das Medikament „Wundermittelchen 2000“ gegen den Bluthochdruck der Patientin an, eine schöne, rote Tablette. Jeden Morgen stellt der Pflegedienst die Tabletten, einer der Kollegen nimmt sie mit zum Patienten, Töchterchen hat sich der 24-stündigen Versorgung der Frau Mama angenommen. Nach vier Wochen stellt sich keine Besserung des Blutdrucks ein. Töchterchen schüttelt verlegen den Kopf, kann sich das alles gar nicht erklären. „Dabei hab ich doch schon immer die genommen, die ich noch vom vor zwei Jahren verstorbenen Herrn Papa im Schrank liegen hatte. Die vom Arzt verordneten habe ich raus genommen. Ich hab nämlich im Internet gelesen, dass das andere eh viel besser hilft!“ Eine Belehrung ist zwecklos, auch der Hinweis, dass der Arzt nicht umsonst Medizin studiert hat wird nicht wahrgenommen. Immerhin steht doch eh alles im Internet.

 

Die Alternativen-Angehörigen

Herr B. leidet unter einer demenziellen Veränderung und ist nach einem schweren Herzinfarkt endlich wieder Zuhause. Die Ärzte im Krankenhaus stellten die Medikamente komplett um, stellten den Patienten darauf ein und konnten ihn stabil entlassen.
Medikamente? Teufelszeug! – Der Sohn, der sich um alle Angelegenheiten des Vaters kümmert (und die Vollmacht dazu hat), holt die Rezepte erst gar nicht ab. Eindringliche Gespräche ob der Wichtigkeit und der ernsthaften Lage laufen ins Leere. Die Pflegedienstleitung hat einen fusseligen Mund, mehr aber auch nicht. Immerhin reicht es doch, wenn man ein paar Salbei-Blätter bei halbmond in eine heiße Lösung mit besorgniserregend riechender, nicht definierbarer Flüssigkeit gibt und halb nackt drumherum tanzt. Das ganze einmal im Monat eingenommen bewirkt wahre Wunder! Nicht.

 

Die „Ich-komm-nur-an-Weihnachten-und-mich-stresst-das-alles-so“-Angehörigen

Jedes Jahr zur selben Zeit, vornehmlich in der Adventszeit, begibt es sich, dass aus allen Ecken und Enden auf einmal Angehörige kommen und sich bei unseren Patienten melden, sie eventuell sogar besuchen kommen. Nicht, dass ich das nicht befürworte, im Gegenteil! Patienten brauchen den sozialen Kontakt, am besten zur Familie.
Diese Leute kommen allerdings nur zu Weihnachten vorbei. Einen einzigen Tag, vielleicht für zwei Stunden. Kommt man genau in dieser eng bemessenen Zeit zum Kunden, ist es wichtig, sich ruhig zu verhalten, um die scheue Spezies nicht zu verscheuchen. Jeder Blick, jede Bewegung könnte als Ausrede genommen werden um den Heimweg anzutreten: „Ich will ja nicht stören!“ Die Möglichkeit einfach zu warten wird kategorisch ausgeschlossen, denn jeder Ausweg ist ja willkommen. Als Abschiedsfloskel folgen noch einige Versprechungen á la „Ich werde dich nun öfter besuchen, nächstes Jahr wird alles besser, blah blah“, an uns gewendet folgt noch eine Reihe an Stöhnereien: „Ich komm ja auch von so weit weg denn 30 Minuten Autofahrt sind unzumutbar, die ganze Organisation stresst mich auch soooo sehr, seit Mutti pflegebedürftig ist bin ich so ausgebrannt […]“. Danach ist der Spuk wieder für ein Jahr vorbei. Nur leider nicht bei unseren Patienten, die leiden wochenlang darunter. Davon bekommt der Angehörige aber ja zum Glück nichts mit.

 

Die „normalen“ Angehörigen

Ich möchte hier nochmal ausdrücklich betonen: Es sind nicht alle so! Es gibt Menschen, die sich herzerwärmend um ihre Eltern/Verwandten/Bekannten kümmern, die sich jeden Tag aufopfern und wunderbar mit uns zusammenarbeiten, besprechen sich mit uns und liefern uns wichtige Informationen für die (tägliche) Pflege. Das ist auch gar nicht so schwer! Lassen Sie uns unsere Arbeit machen, wir wollen nämlich wirklich nur helfen. Reden Sie mit uns, einem Kaffee sind die wenigsten Pflegekräfte abgeneigt, wenn es die Zeit zulässt – und sonst macht man eben einen Termin. Schreiben Sie Zettel oder rufen Sie an, wenn etwas akutes ist und Sie ein Anliegen haben, damit wir adäquat reagieren können. So ist uns allen viel mehr geholfen, denn so können wir zusammenarbeiten und niemand muss gegensteuern. 🙂

Glücklicherweise kann ich behaupten, dass die „normalen“ Angehörigen bei uns in der Mehrzahl sind und es unheimlich erfrischend ist, nach einigen anstrengenden Stunden Angehörigenarbeit auch mal ein lockeres Gespräch führen zu können. 🙂

4 Kommentare zu „Angehörigenarbeit – Begegnungen der dritten Art (Teil 1)

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